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Der Krieg ist Zuende

Unser Heimatdorf, eingebettet im Tal der Merta, lag an keiner Durchgangsstraße, besaß auch keine bedeutende Industrie, war also für die Militärs kein strategisch wichtiger Punkt. Das mag wohl viele, die in den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges den Einfall des vorrückenden Feindes befürchten mussten, bewogen haben, Teile ihrer beweglichen Habe zu uns auszulagern. Der Ort wurde zu einem riesigem Warenversteck, man erhoffte sich hier einigermaßen Sicherheit. Leider kam es, wie so oft im Leben, ganz anders als es voraussehbar oder erhofft war.

Die Russen, die aus Schlesien über Römerstadt, über den Brandwald und Berggeist vordrangen, sollten wohl schnellstens alle größeren Orte besetzen und das mutmaßliche Etappenziel Mährisch-Schönberg erreichen. Sicher waren sie im Besitz guter Landkarten. Deshalb verließen sie in Kleppel die Kaiserstraße und wählten, weil sie ja auf keinerlei Widerstand stießen, den erheblich kürzeren Weg über Wermsdorf. Wie die Ameisen strömten die Soldaten mit ihren, von kleinen struppigen Pferden gezogenen Panjewägelchen durch den Seifen und über den Dürren Berg in unser Tal. Pfarrer Rohrsetzer mit seinen Helfern fand gerade noch Gelegenheit, auf dem Kirchturm die weiße Fahne zu hissen. Schon bei der kurzen Rast vor der Gemeindekanzlei bekamen die Bewohner einen Vorgeschmack auf das, was sie in Zukunft erwartete. Der alte Herr Rohrsetzer und Korger Hermann, der Gemeindesekretär wurden im Nu ihre Taschenuhren samt Kette los und Frank Lois seine schönen Röhrenstiefel. Er bekam dafür ein Paar heruntergelatschte Kommiskrampen hingeworfen. Beim Marsch durch den Ort, vom Niederdorf waren inzwischen noch Soldaten dazu gekommen, die dann gemeinsam in Richtung Siebenhöfen, Wiesenberg weiter zogen, hatten die Russen wohl fest gestellt, dass hier noch allerhand zu holen wäre.

Der befürchtete Besuch der Befreier ließ so auch nicht lange auf sich warten. Vom Stützpunkt Berggeist aus wurden regelmäßig Beutezüge in die nähere und weitere Umgebung unternommen. Alles Essbare, ob tot oder lebendig, was nicht versteckt werden konnte, wurde gestohlen. Am meisten gefürchtet aber waren wohl die Trupps, die zumeist gegen Abend kamen und vor allem Jagd auf Frauen machten. Für so manche Familie begann jetzt die Zeit der schlaflosen Nächte. In den verschiedensten Verstecken, immer bereit zur Flucht, in ständiger Angst doch noch erwischt zu werden, verlebten die Gejagten diese gefahrvollen Wochen. Ein trauriger Augenblick, besonders für die Bauern kam, als fast der gesamte Rindviehbestand zusammen getrieben und im Obstgarten vor dem Gasthaus Tinz zusammengepfercht wurde. Einige Bauern mussten später den Abtransport über den Berggeist als Treiber begleiten. Schon bald nach der Besatzung wurden mehrere geachtete Gemeindebürger und Familienväter verhaftet und auf einem Leiterwagen abtransportiert. Für die meisten war es der Abschied für immer. Das einzige Verbrechen dieser Deportierten war, dass sie auf Befehl bei der Errichtung von mehr oder weniger primitiven, daher wertlosen Panzersperren Hand- oder Spanndienste geleistet hatten.

Sofort nach Beginn der neuen "Tschechenzeit" mussten sämtliche Radios, Fahr- und Motorräder abgeliefert werden. Es war oftmals gar nicht so einfach, diese Dinge wieder möglichst unauffällig aus den Verstecken hervor zu holen. Unter den fadenscheinigsten Vorwänden, meistens hieß es, es wären Waffen versteckt, wurden immer wieder Hausdurchsuchungen durchgeführt und dabei alles Wertvolle mitgenommen. Kein Deutscher durfte sich ohne Binde mit dem gut sichtbaren "N" (Nemec = Deutscher) auf der Straße blicken lassen. Sie mussten auch die in ihrem Besitz befindlichen Reichsmark abliefern und erhielten lediglich eine geringe Menge Tschechen-Kronen monatlich zugeteilt. Bei der Post in Zöptau wurden die Beträge ausbezahlt. Wartezeiten von mindestens einem Tag waren die Regel. Die verschiedensten Lebensmittel gab es für die Deutschen nicht, das Obst von den eigenen Bäumen war beschlagnahmt. Und dann begann die Zeit der Enteignungen. Regelmäßig wurden Interessenten geschickt. Wenn der Besitz zusagte, musste der Eigentümer binnen kürzester Zeit Haus und Hof verlassen, nur das Lebensnotwendigste durfte mitgenommen werden. Arbeitsfähige Männer und Frauen wurden kurzerhand arbeitsverpflichtet und zum Teil bis in das Innere des Landes verbracht. Bei all dem Elend konnte Wermsdorf noch von Glück sprechen. Hier sei nur an die Nachbargemeinde Zöptau erinnert, wo man viele Männer erschoss und einen Teil des Dorfes niederbrannte.

Und zwischendurch machte immer wieder das zermürbende Gerücht von der Vertreibung die Runde. Bis zum letzten Augenblick wollte es niemand glauben, selbst dann noch nicht, als die ersten Transporte schon unterwegs waren. Man hoffte immer noch auf eine baldige Rückkehr. Die ersten Aussiedler durften nur 30 kg Gepäck mitnehmen, das dann bei der Endkontrolle im Ausstellungslager in der Regel noch um etliches erleichtert wurde. Wenn auch der Abschied von Heimat, Besitz, Verwandten und Bekannten schwer war, bedeutete es aber für alle das Ende einer schmachvollen Zeit. Sicher, niemand wusste, was sie in dem vom Krieg zerstörten, ausgebombten und ausgehungerten Deutschland erwarten durften, aber eins stand für alle fest: Dort war man wieder frei.

Der Neuanfang war auch entsprechend schwer. Keinesfalls wurden wir mit offenen Armen empfangen. Aber bald zeigte sich, was eiserner Wille gepaart mit nackter Not vermag. Auf keinen Fall ist die Rechnung unserer Vertreiber aufgegangen - die Heimatvertriebenen wurden im Aufnahmeland nicht Störfaktor und Zündstoff, sondern ein Aufbaufaktor ersten Ranges.

Wermsdorfer
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