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Vom Erbrichter zum Gemeindevorsteher

In allen deutschen Dörfern, nicht nur in Nordmähren, war das Erbgericht der stattlichste Besitz. Nach 1848 allerdings wurden die meisten aufgelöst und zerstückelt. Es muss eine Einrichtung der deutschen Einwanderer gewesen sein, denn die Rechte und Pflichten des Erbrichters entsprachen altdeutschem Recht. Als Richter des Dorfes war er auch Mittelsmann zum Grundherren und musste für ihn den Zehnten einsammeln und abführen. Dafür erhielt der auch Lokator oder Schulze genannte ein doppelt großes Grundstück in bester Lage zugewiesen. Er durfte eine Schänke (Kratschem), Mühle, Schmiede, Schlachtbank und andere Handwerksbetriebe, zumeist als Pächter, rund um das Erbgericht und die Kirche ansiedeln und so den Ortskenntnis bilden. Der Besitz wurde, wie der Name schon sagt, an den Sohn oder auch per Kauf- bzw. Tauschvertrag unter Erbrichterfamilien "weiter vererbt".

Im Zinsregister der Herrschaft Ullersdorf wird das Wermsdorfer Erbgericht 1591 zum ersten Mal erwähnt. Als ersten Namen eines Erbrichters nennt uns die Chronik Jakob Schiritz (der Richter vom Bauerngrund). Aus der Zeit des 30jährigen Kriegs (1618-1648) kennen wir keinen Erbrichter. Erst das Lohnbuch von 1661 nennt einen Andreas Wolf. Dann kommt wieder eine offenbar erbrichterlose Zeit.

Im Jahr 1713 heißt der Erbrichter von Wermsdorf Mathias Hielscher. Er ist der Erbauer jener großen Privatkapitalien, aus der später die Pfarrkirche hervorgegangen ist. Seine Witwe Barbara übergibt den Besitz 1732 an ihren Sohn Johann für 1100 Mark oder 1179 fl. 46 kr. Der nächste Kaufvertrag wird 1742 zwischen Anna Barbara Hielscher, wohl der Witwe des Johann Michael, und Johann Franz Langer abgeschlossen. Langer entpuppte sich als streitsüchtiger Mann und galt als Ruhestörer. Er lehnte sich auch gegen die Obrigkeit auf und riet den Altgeschworenen, das gleiche zu tun. Daraufhin wurden Altgeschworene und Erbrichter wochenlang ins Gefängnis in "Eisen und Banden" gebracht. Schließlich hat die Obrigkeit den streitsüchtigen Erbrichter mit Weib und Kind, Habe und Vermögen aus der Gemeinde verwiesen. Daraufhin kam es zwischen Johann Michael Gabriel, dem Pächter des Lerchenhofes bei Mährisch-Schönberg und dem Ausgewiesenen 1768 zu einem Hoftausch.

Der Wiesenberger Tierarzt Dr. K. Gabriel schreibt über seinen Ur-Ur-Großvater u.a.: "Der in Marschendorf Geborene erwirbt 1761 den Lerchenhof bei Mährisch Schönberg. Nach dem 1768 erfolgten Hoftausch mit J.F. Langer gab es noch lange Streit, der dann 1775 im Schloss Wiesenberg durch amtliche Schlichtung beendet wurde. Der nunmehr neue Besitzer des Erbgerichts Wermsdorf war auch Bürger von Schönberg und als solcher zu keiner Zeit der Untertänigkeit unterworfen."

In die Amtszeit dieses überaus aktiven Erbrichters Gabriel fällt der großzügige Aus- und Umbau der vorhandenen Privatkapitalien in eine Kirche, die Errichtung einer eigenen Pfarrei mit eigenem Kaplan, die Genehmigung zur Errichtung einer Papiermühle, sowie der Bau eines größeren Schulhauses. Wermsdorf erhält durch Auflösung von Meihöfen die Ortsteile Freiheitsberg und Schwagersdorf zugeteilt. Erbrichter Gabriel starb 1796 am hitzigen Fieber.

Johann, der jüngste seiner acht Söhne, übernahm den Besitz 1797 und behielt ihn bis 1809. Sein Nachfolger, der Bruder Josef, tauschte ihn noch im gleichen Jahr mit J. Langer aus Mährisch- Schönberg. Einer der Gabriel Brüder kaufte einen Bauernhof in Siebenhöfen, den Stammsitz der bis zur Vertreibung dort lebenden Familien Gabriel. Der Sohn Josef erbte den Hof, für den Sohn Franz wurde der Nachbarhof gekauft, Bruder Rudolf konnte in das Anwesen des Josef Frank einheiraten.

Im Jahr 1817 ermittelte man für das Erbgericht einen Wert von 43'180 fl und ein Ausmaß von 102 Joch 1566 Quadratklafter.

Im Jahr 1825 übernimmt Franz Langer das Erbgericht von seiner Mutter Klara und verkauft es 1832 an Franz Kubitschek, von dem es 1892 seine Witwe Theresia übernimmt. Der letzte Erbrichter war Kubitschek Rudolf. 1901-1902 wird der Besitz zerstückelt.

Der Großteil der zum Erbgericht gehörenden Grundstücke (Richterberg) und die Gebäude erwirbt 1901 Dominik Lang (Gus). Die für den jetzt kleineren Grundbesitz viel zu große Scheune wurde durch ein Feuer zerstört. Weitere Käufer von Grundstücken waren Josef Michme, Stanzel Schuster, Breitschädel Josef, Sturm Johann, Sturm Josef, Kubitschek Anton und Kurz Klement. 1925 übergibt D. Lang den Besitz an seinen Sohn Franz, der ihn bis zur Vertreibung bewirtschaftete. In der Zeit in der Lang Gus Gemeindevorsteher war, war dort die Gemeindekanzlei und die Raiffeisenkasse untergebracht. Im ersten Weltkrieg und auch nachher wurden hier die Lebensmittelkarten ausgegeben. Franz Lang, der letzte Besitzer, ließ das extrem hohe Dach und die darunter befindlichen Schüttböden abtragen.

Nachdem 1848 durch die Bauernbefreiung die Adligen an Einfluss verloren und kein Robot1 mehr zu leisten war, wurde bereits 1849 die erste Gemeindevertretung gewählt. Der erste Gemeindevorsteher hieß Franz Kubitschek, der gleichzeitig Erbrichter war. Nachstehend die Gemeindeoberhäupter bis zum traurigen Ende:

1849-1854 Franz Kubitschek
1854-1861 Johann Donig
1861-1864 Johann Rotter
1864-1867 Roman Tinz
1867-1870 Josef Küffel
1870-1890 Anton Kubitschek
1890-1895 Emanuel Lang
1895-1904 Franz Lang
1904-1909 Josef Hilbert
1910-1919 Dominik Lang (Gus)
1919-1927 Josef Hilbert
1927-1937 Anton Kubitschek
1938-1940 Jos. Hilbert (Krist)
1940-1945 Wilhelm Stöhr

Vor dem Anschlug an das Deutsche Reich waren im Gemeinderat fünf Parteien vertreten. Danach hatte die NSDAP das alleinige Sagen.

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