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Von Jägern und Wilderern

Unser Heimatdorf war von drei Seiten von Wald eingerahmt. Jegliches jagdbare Wild fand hier ideale Verhältnisse vor. Kein Wunder, dass bei uns die Jagd einen besonderen Stellenwert besaß.

Sicher, nicht jeder konnte es sich leisten, diesem Vergnügen nachzugehen. Die Jagd wurde, wie allgemein üblich, von der Gemeinde an Pächter vergeben. Das waren in der Regel etliche Bauern (deswegen Bauernjagd), auch Jagdgenossen genannt. In Ausnahmefällen kam auch ein gutbetuchter Jagdliebhaber aus Mährisch-Schönberg zum Zuge. Voraussetzung war natürlich der Besitz eines Erlaubnissscheines. Gejagt wurde zum Teil einzeln, es wurden aber auch regelmäßig Treibjagden veranstaltet. Die Jagdausbeute war meistens beträchtlich, denn, wie bereits gesagt, es herrschten sehr gute Verhältnisse Das große Hasensterben wegen fehlender Brutstätten oder Verluste wegen Spritzzungen mit Unkrautvertilgungsmitteln waren damals noch nicht aktuell. An Treibern bestand kein Mangel, denn erstens machte es Spaß, dann gab es eine Entlohnung und darüber hinaus war jeder beim anschließenden Jagdessen Gast.

Geschossen werden konnten Hasen, Rehe, Füchse, Dachse, Marder oder sonstiges Raubzeug. Rebhühner und Fasane gab es bei uns nicht, dafür aber das herrliche Auer- und Birkwild. Nur ab und zu durchbrach ein Hirsch den kilometerlangen herrschaftlichen Wildzaun und verirrte sich auf Bauerngründe. Das war natürlich ein besonderes Ereignis, denn jeder Jäger wollte doch liebend gern den tödlichen Schuss anbringen. Einmal verirrte sich so ein Ausreißer bis in den "Daxgrund" in der Nähe von Freiheitsberg. Während man sich hier eifrig bemühte das Tier aufzuspüren, hatte sich der König des Waldes zwischenzeitlich gemächlich über die Kleppeler Höhen in Richtung Seifen-Urlich abgesetzt. Seinem Schicksal konnte er aber dann doch nicht entgehen. Das Fleisch wurde, wie in solchen Fällen üblich, portionsweise verkauft. Nicht bejagt wurden Gemsen, die erst in den letzten Jahrzehnten in den Altvaterbergen heimisch gemacht worden waren und sich prächtig entwickelten.

Die nicht-jagd-berechtigten Grundbesitzer waren mehr oder weniger Zaungäste der Jagd. Sie hatten das zweifelhafte Vergnügen, das Wild (unfreiwillig) zu füttern. Sie bekamen lediglich Wildschadengeld, wenn ihnen vom Wild ein waldnahes Kleefeld abgegrast, ein Haferfeld verwüstet, oder mehrere Kartoffelzeilen ausgebuddelt wurden.

Wie überall in wildreichen Gegenden gab es natürliche auch bei uns Zeitgenossen, die auf unlautere Art in den Besitz von Wildbret gelangen wollten. Schlingensteller gab es mit Bestimmtheit, nur wurde wenig von ihnen gesprochen. Immer wieder aber knallte es irgendwo, auch wenn gerade Schonzeit war. So manches Häslein oder Rehlein dürfte auf diese Weise im Koch- oder Bratentopf eines Schützen gelandete sein, der lieber nicht gesehen werden wollte. Sogar Hirschen sollen dem Vernehmen nach ihr vorzeitiges Ende gefunden haben, auch wenn sich nicht auf Bauerngründen grasten. Es gab ja genügen Verstecke, wie aufgelassene Bergwerkstollen oder dergleichen, wo das erlegte Wild sicher versteckt werden konnte. Soweit bekannt, stand aber zumindest in den letzten Jahren niemand wegen Jagdfrevel vor den Schranken des Gerichtes. Ein Zeichen von Großzügigkeit sowohl von den Jagdpächtern als auch von der Wiesenberger Herrschaft.

Bei den herrschaftlichen Jagden galten selbstverständlich andere Maßstäbe. Jedenfalls war es eine große Ehre, zu solch einer Veranstaltung eingeladen zu werden oder gar einen Hirsch zum Abschuss zugebilligt zu bekommen. Mit dem überaus gut gepflegten Hochwildbestand hatte man natürlich auch einer anspruchsvollen Prominenz etwas zu bieten.

Den vielen Besuchern der Wildfütterungen, die im Winter oftmals mit "Gaßelpartien" von weit her kamen, bot man hierbei Gelegenheit, die ansonsten recht scheuen Tiere aus nächster Nähe zu bewundern. Der Gurmann Peter hatte etlichen besonders auffälligen Hirschen Namen gegeben. Auf Anruf reagierten sie prompt und kamen näher zu ihm. Nicht selten sah man auch in gut eingezäunten Bauerngärten ein Reh oder einen Rehbock, der beim Mähen als Kleintier in die Sense geraten war und dann vom Finder liebevoll gepflegt und groß gezogen wurde.

Im Rahmen der Jagd wäre abschließend noch auf ein gern geübtes "Schindluder" zu verweisen: Fuchsleber galt seit jeher als probates Abführmittel. Förster, Heger und Jäger machten sich immer wieder einen Spaß daraus, wenn "rein aus Versehen" Fuchsleber in einen Teil irgend eines Jagdessens geriet. In der kommenden Nacht war dann für reichliche Bewegung und wenig Schlaf gesorgt. Stolz aber waren auf alle Fälle diejenigen Mädchen und Frauen, die einen echten Fuchskragen ihr Eigen nennen durften.

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