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Jugendbund und Turnvereine

Wenn auch unser Heimatort nur eine verhältnismäßig kleine Landgemeinde war, gab es doch schon frühzeitig Bestrebungen, auf gesellschaftlicher Basis und in puncto Körpererziehung den interessierten Besuchern etwas zu bieten.

In den nach dem ersten Weltkrieg ins Leben gerufenen Jugendbund fanden alle Burschen und Mädchen, die für Frohsinn und geselliges Beisammensein etwas übrig hatten, ihre Heimat. In zwangloser Form, ohne Bindung an einen Verein, wurde hier gesungen, gespielt, gewandert, getanzt, aber vor allem viel gelacht. Im Vordergrund der mannigfaltigen Tätigkeiten stand das Hervorheben des deutschen Gedankenguts, um den nach 1918 verstärkt einsetzenden Tschechisierungsbestrebungen etwas entgegen zu setzen. Volksliedersingen und Pflege des Brauchtums sowie der alten Trachten wurde bei Volkstänzen und anderen Veranstaltungen geübt.

In den zwanziger Jahren beabsichtigte man, das Tätigkeitsfeld noch auszuweiten, dies zog Veränderungen nach sich. Diejenigen, die sich mehr für das Theaterspielen begeistern konnten, bildeten, unter der straffen Führung der Gattin Anna des jederzeit zu lustigen Streichen aufgelegten Forstverwalters Rudolf Zohner, den Kern der auch in der Folgezeit sehr erfolgreichen Spielergruppe. Bis ins hohe Alter waren sie mit Eifer bei der Sache. Immer wieder kamen neue, junge und alte Kräfte hinzu. Mit den Jahren waren aus den feurigen Jugendbündlern alte Hasen und Häsinnen geworden. Dies hatte den Vorteil, dass bei der Besetzung von Charakterrollen graue Haare, großer Schnurrbart und auch Falten im Gesicht nicht extra geschminkt werden mussten, die waren dann meisten echt.

Diejenigen wiederum, denen Theaterspielen zu wenig war, gründetet den Deutschvölkischen Turnverein. Etliche Jahre bestanden sogar zwei Turnvereine. Es waren dies der Christlich-deutsche Turnverein und der Deutschvölkische Turnverein. Die "Christlichen" turnten im ehemaligen Websaal in der Papiermühle. Solange die Gründer, u.a. die Hilbert-Söhne aus der Papiermühle zur Verfügung standen, lief alles gut. Nach deren Weggang musste bereits nach kurzer Zeit der Turnbetrieb wegen Mangel an nachfolgenden Führungskräften und ausübenden Mitgliedern eingestellt werden.

Anders verlief es beim "Deutschvölkischen". Das erste Herbergslokal war der Kratschem. Turnstunden und alle Veranstaltungen wurden dort abgehalten, es bestand sogar eine Altherrenriege. Später übersiedelte man in das Gasthaus Michme, weil dort zu den Zeiten, in denen die Turnstunden stattfanden, so gut wie kein Betrieb war. Besonders ab dem Zeitpunkt, wo unser Oberlehrer Skarpil die Turnwartstelle übernommen hatte, ging es mit dem Turnbetrieb stetig aufwärts. Er verstand es meisterhaft, die schulentwachsene Jugend in besonderer Weise anzusprechen und für die Turnsache zu begeistern. Die Turner und Turnerinnen gingen mit ihrer Arbeit auch erfolgreich an die Öffentlichkeit. Regelmäßig wurden glänzend verlaufende Turnerfeste veranstaltet. Die hierbei gezeigten Leistungen fanden bei den zahlreichen Besuchern gebührende Anerkennung. Die zu diesem Anlass von den Frauen und Mädchen gespendeten selbstgebackenen Kuchen fanden reißenden Absatz. Kaffee-, Kuchen- und Würstchenbuden wurden eifrig besucht. Den Abschluss bildete dann immer das Turnerkränzchen im Vereinslokal. Selbstverständlich beteiligte man sich auch an turnerischen Veranstaltungen in den Nachbarorten. Als Transportfahrzeug benutzte man meistens einen eigens für diesen Zweck hergerichteten, geschmückten Leiterwagen. Auch an Lehrgängen, Bergturnfesten und Wettkämpfen, selbst am Verbandsturnfest in Saaz wurde teilgenommen. Nicht unerwähnt bleiben sollen die zahlreichen Ausflüge und Würstlpartien auf den Erzberg, in den Seifen und sonst wohin. Hier trat Frau Donig, die Gattin vom Donig Fleischer immer wieder als Spenderin der Würstl und Semmeln in wohltuender Weise in Erscheinung. Wir hatten zwar keine Vereinsfahne, aber einen Wimpel, der bei jeder Gelegenheit mitgenommen wurde. Dietabende1, Muttertags- und Jubelfeiern wurden auf provisorischer Bühne veranstaltet. Auch das Tanzbein wurde bei Turnerbällen und nach den Mädchenturnstunden beim "Werkla", jetzt würde man es Musikbox nennen, eifrig geschwungen.

Als 1935 der Rummel mit der Henlein-Partei2 einsetzte, musste Turnwart Skarpil auf Geheiß der Staatsregierung die Turnwartstelle an jüngere Hände abgeben. Der Vereinsbetrieb war aber inzwischen so gefestigt, dass alles reibungslos weiter lief. In dieser Zeit wurde auch an einem Hang der Korger-Wirtschaft im Hinterzipfel unter sachkundiger Anleitung von Sepp Schebela aus Petersdorf (der spätere Mann von Gurmann Elli) eine Sprungschanze gebaut. Daraufhin wurden in Wermsdorf die Bezirkswettkämpfe in Langlauf, Abfahrtslauf und Skispringen durchgeführt. Unsere Turner waren, trotzdem sie keine Aussicht auf vordere Plätze hatten, eifrig mit dabei. Es hieß eben damals schon: "Dabeisein ist alles."

Nach dem Anschluss 1938 lief der Sportbetrieb in ganz anderen Bahnen. Die deutschvölkische Idee, ausgerichtet auf Turnvater Jahn, war nicht mehr gefragt. Andere Figuren standen im Vordergrund. Die aktiven Turner wurden bei der Wehrmacht gebraucht, der deutschvölkische Turnverein hatte aufgehört zu bestehen. Die Geräte gingen in den Besitz der Schule über, das vorhandene Geld bekamen örtliche, gemeinnützige Vereine.

Aus der Zeit nach 1935 sind noch zwei Begebenheiten erwähnenswert. Bei der Anmeldung einer Veranstaltung stellte die Bezirkshauptmannschaft fest, dass für unseren Turnverein überhaupt keine behördliche Genehmigung vorlag. Mehr als zwei Jahrzehnte war der Turnbetrieb "schwarz" gelaufen. Vorsorglich wurden sofort, aber nur "auf dem Papier" alle vorhandenen Werte verschenkt. Die Behörde hat aber nichts unternommen, scheinbar fühlte man sich blamiert, die Schenkungen wurden zu dem Zeitpunkt nie durchgeführt. In der Drangzeit vor 1938 bemühten sich alle völkischen Verbände auf jede mögliche Art in Erscheinung zu treten. Deshalb entzündeten die Turner beim Wald des Kubitschek Anton ein selbstverständlich nicht gemeldetes Walpurgisfeuer. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass das aufgeschichtete Reisig so hohe Flammen schlagen würde und bekamen es daher auf einmal mit der Angst zu tun, einen Waldbrand angezettelt zu haben. Gottlob stand der Wind günstig und das bis weit hinaus ins Teßtal sichtbare Feuer richtete keinen Schaden an, auch die Gendarmerie hatte scheinbar nichts bemerkt. 

Wermsdorfer
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