banner

Landbriefträger Ohnmacht

Wenn mir heute die Post ins Haus gebracht wird, erinnere ich mich oft an die Postzustellung daheim und stelle Vergleiche an. Gleichsam als Symbolfigur sehe ich dann den alten Ohnmacht, Briefträger aus Oberstettenhof, der viele Jahre lang für die Wermsdorfer Post zuständig war. Er fühlte sich als treusorgender Mittler zwischen Absender und Empfänger und dementsprechend gewissenhaft versah er auch seinen anstrengenden Dienst.

Schon zeitig in der Früh bekam er in Zöptau seine Briefschaften zugeteilt, musste sie vorsortieren und dann ging es los. Zu Fuß, mit schwerer Tasche und Rucksack, denn er brachte ja, soweit möglich, auch Pakete mit. Zuerst wurde Stettenhof bedient, dann ging es über die Wiesen nach Wermsdorf und zurück über Marschendorf und die Hohe Warte, denn auch dort wartete man auf Post. An die 20 km täglichen Fußmarsches wird der Gute schon zusammengebracht haben, denn damals gab es noch keine, an leicht zugänglichen Stellen aufgestellte Hausbriefkästen. Eine leere Posttasche kannte er nicht, denn am Heimweg hatte er wieder die Post aus den Briefkästen mitzunehmen. Ebensowenig kannte er an sechs Wochentagen ein warmes Mittagessen Ein Butterbrot und zwischendurch ein Stamperl Korn, das war seine Wegzehrung, dafür war er auch entsprechend schlank. Am Abend, so erklärte er oft, erwarte ihn daheim eine kräftige Kartoffelsuppe. Meines Wissens war er nie ernstlich krank. Trotzdem die Bezahlung nicht gerade fürstlich gewesen sein dürfte, war er allzeit guter Laune, zu seinen Kunden zuvorkommend und auch dementsprechend beliebt und geachtet. Immerhin, er war Staatsbeamter und trug eine Uniform.

Für seine Nachfolger wurde es in der Folgezeit leichter, sie fuhren mit dem Fahrrad und der Zustellbezirk wurde verkleinert. Heute erscheint der Briefträger in großen Orten zu Fuß oder per Rad, auf dem Lande kommt er mit dem Auto
.

Herr Rieger und seine kluge Frau

Herr Rieger wohnte gleich am Dorfanfang in einem mit viel Fleiß und Können sehr sauber hergerichteten Häuschen. Sein Leibspruch war: "Halleluja nicht, das macht der Rieger nicht. Halleluja nein, das lässt der Rieger sein!" Als Rentner hatte er doch manchmal Langeweile und dann zog es ihn zum Gasthaus Donig, zum Saal. Und da vergaß er oftmals das Heimgehen. Wenn seiner Frau so ein Ausflug zu lange dauerte, kreuzte auch sie im Saal auf, setzte sich, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, zu ihm. Sie bestellte sich einen Korn und trank ihn aus, das wiederholte sie womöglich noch einmal. Die dann schnell einsetzende Reaktion ihres Gatten war zunächst ungläubiges Staunen und nur wenig später die Worte: "Komm Mutter, wir gehen heim!" Die Frau war ein Musterbeispiel dafür, wie man auch ohne viel Gezeter möglichst viel erreichen kann. Sie hatte das richtige Rezept.

Eine nicht alltägliche Brautwerbung

Der Hubert, stattlicher Bauernsohn und angehender Hoferbe war in die Jahre gekommen, wo es allmählich Zeit wurde, sich um die zukünftige Bäuerin um zuschauen. Er hatte auch schon mit Erfolg seine Fühler ausgestreckt. Die Wahl war auf eine Dorfschöne aus der Gegend um Mährisch-Altstadt gefallen. Das Paar war sich eigentlich schon einig geworden, es ging nur noch darum, Zustimmung und Segen der Brauteltern einzuholen. Und das sollte in nächster Zeit geschehen.

Sein zu jedem Scherz bereiter Freund Rudolf, den er als Adjutanten ausersehen hatte, brachte den Heiratslustigen auf die Idee, diesen entscheidenden Gang keinesfalls auf Schusters Rappen zu gehen. Gesagt, getan. Der Rudolf erbat sich von seinem Dienstherrn die Erlaubnis, für diesen Zweck ein herrschaftliches Pferd benutzen zu dürfen. Der Hubert besorgte sich ebenfalls ein Reitpferd, denn erstens wäre ein Ritt auf seinem schweren Ackergaul kein reines Vergnügen geworden und zweitens hätte es kein schönes Bild abgegeben. Außerdem hatte der Schimmel etwas gegen Reiter, denn er warf sie bei passender Gelegenheit immer wieder ab.

Und dann ging es los. Mit stolzgeschwellter Brust setzten sich die zwei Freunde hoch zu Roß in Richtung Elternhaus der Braut in Bewegung. Auf dem Hinweg verlief alles planmäßig und ohne Zwischenfälle. Die Einwilligung der Brauteltern hatte man ohne Schwierigkeiten erhalten, das bei solchen Anlässen übliche Festmahl sorgte für beste Stimmung. Rechtzeitig machte man sich auf den weiten Heimweg. Der Erfolg und das gute Essen muss die beiden Freunde durstig gemacht haben. Es wurde daher unterwegs eine kleine Pause eingelegt, um bei dieser Gelegenheit etwas nachfeiern zu können. Es blieb auch nicht bei der einen Rast, scheinbar war noch nicht genug gefeiert worden. Es kann dann, wie es kommen musste Auf einmal war Finsternis auf Erden. Pferde und Reiter waren nicht wegkundig genug, außerdem waren die zwei Freunde nicht mehr genügend sattelfest. Ungefähr auf halbem Wege beschloss man daher, in einem gastlichen Haus zu übernachten. Gut ausgeschlafen und gestärkt ging es dann am nächsten Morgen froh gelaunt der Heimat zu, die ohne weitere Hindernisse wohlbehalten erreicht wurde.

So ungewöhnlich wie die Heiratsgeschichte begonnen hatte, so nicht-alltäglich ging es auch zu, als es ums Ganze ging.

Der Tag der Trauung war angebrochen. Erwartungsvoll versammelte man sich zunächst im Brauthaus, dann vor der nahen Kirche. Mit lautem Schlag verkündete die Uhr vom Kirchturm die Stunde für den Beginn der Trauung. Doch man wartete. Es wartete der Pfarrer, es wartete die Braut mit ihren Gästen und es warteten die vielen Neugierigen, die sich zum "Brautsahn" in der Kirche eingefunden hatten - aber wer nicht da war, das war der Bräutigam mit seinem Anhang. Der Pfarrer, dem das Warten allmählich zu dumm geworden war, begann dann mit der Trauungsmesse, in der Hoffnung, dass schon noch alles klappen würde. Und es ist auch noch alles gutgegangen. Bis zum Zeitpunkt des "Ja-Sagens" und zum Ringwechsel war die Hochzeitsgesellschaft komplett geworden. Sichtlich erleichtert konnte dann gratuliert werden, so dass sich dann alle Teilnehmer den irdischen Genüssen zuwenden konnten. Die einfache Erklärung für die Verspätung: der Bräutigam und seine Gesellschaft hatten sich in der Länge des Weges verschätzt. Man fuhr mit Kaleschen, Kutschen mit Bauernpferden, die natürlich nicht die allerschnellsten waren.

Der Hubert hat zu keiner Zeit seine Wahl bereuen müssen Seine Berta wurde ihm zeitlebens eine treusorgende, fleißige Bäuerin, die mit viel Geschick, großer Geduld und Nachsicht auch jeder späteren Situation gerecht wurde. Die fidele Brautwerbung aber gab noch lange Jahre Anlass zu manch heiterem Gespräch in fröhlicher Runde.

Mit den Segelfliegern beim Hirschbrunnen

Nicht viele werden von sich behaupten können, unmittelbar dabei gewesen zu sein, wenn der seinerzeit viel bestaunte Schuster Fritz mit seinem Segelflugzeug vom Hirschbrunnen aus zu seinen Langstreckenflügen über das Mertatal hinweg schwebte. Für mich war es selbstverständlich, dass ich da mitmachen durfte, denn er war mein Lehrmeister und Brötchengeber. Aber auch so war ich von dieser Sportart begeistert. Mein Beitrag bestand größtenteils aus Hilfsarbeiten, wie Flugzeugteile vom Berggeist über Verlorene Steine und Backofenstein zum Lager Hirschbrunnen zu schleppen, bzw. beim Start an einem Ende des Startseiles ziehen zu helfen. Auch durfte ich mich um die Geräte kümmern, damit sie wettergeschützt und diebessicher wieder in der befestigten Hirschbrunnenbaude verstaut wurden.

An einen Flugtag erinnere ich mich ganz besonders gut. Geflogen werden sollte frühzeitig an einem Sonntag. Deswegen musste ich mich schon im Morgengrauen auf den Weg machen. Der kürzeste Aufstieg war vom Sensenzipfel durch den Grasgrund zum Hirschbrunnen. Bei diesem einsamen Marsch erlebte ich wieder einmal die eindringliche Stille des Waldes. Kein Wind bewegte die Wipfel der Bäume, nur ein leises Raunen war zu vernehmen. Zunächst waren nur vereinzelt Vogelstimmen zu hören, bevor dann der ganze Chor voll einsetzte. Auch ich bewegte mich auf dem weichen Waldboden fast lautlos bergabwärts. Auf einmal erreichte ich eine Lichtung, die Bodennebel hatten sich gehoben und ich stand unmittelbar vor zwei prächtigen Hirschen. Wahrscheinlich waren sie von meinem Vorhandensein genauso überrascht wie ich von dem ihren, denn zunächst rührten sie sich nicht von der Stelle. Wir standen uns gewissermaßen "Aug-in-Aug" gegenüber. Nur langsam kam Leben in die beiden, dann verließen sie gemächlich, jeder in eine andere Richtung den Schauplatz dieser einmaligen Begegnung. Beim Hirschbrunnen angelangt, erweckte ich mit meiner Schilderung nur ungläubiges Staunen.

Die Vorbereitungen für den Start waren bereits angelaufen. Der vornehmlich in den Werkstätten der Staatsgewerbeschule Mährisch-Schönberg gebaute Segler war schnell zusammengesetzt. Jetzt musste nur noch auf die günstigsten Luft- und Windverhältnisse gewartet werden. Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Startermannschaft war bereits eingeteilt, das zweiteilige Startseil, gefertigt aus hunderten Gummifäden, wurde an der Nase eingehängt. Ein starker Mann war bereits ans hintere Rumpfende, an den Sporn beordert worden. Seine Aufgabe war, Flugzeug und Lenker so lange am Boden zu halten, bis die Startmannschaft das Gummiseil entsprechend gespannt hatte, damit sich der Vogel mit genügender Geschwindigkeit vom Boden abheben konnte. Bei "Start frei" ging alles sehr schnell. Die Seilmannschaft setzte sich in Bewegung, dann erscholl das Kommando "hinlegen", der Sporn wurde losgelassen, das Seil klinkte aus und das Flugzeug schoss über die Köpfe hinweg. Das Hinlegen war ganz wichtig, denn nicht immer war der Aufwind so stark, dass der Segler gleich vom Start weg genügend Höhe bekam. Verletzungen der Starter lagen daher im Bereich der Möglichkeiten.

Bei verschiedenen schönen Flügen war ich dabei. Manche gingen bis in die Gegend um Olmütz, das war damals noch Rekord, einer endete aber auch schon im Wermsdorfer Hinterzipfel. Auch ging es nicht immer ohne Bruch ab. Die seinerzeit gebauten Maschinen sind nicht zu vergleichen mit den heute bekannten Hochleistungstypen - damals war ja auch für so ein Hobby noch nicht soviel Geld vorhanden. Den Flugbegeisterten fehlten die Sponsoren und den vielen treuen Helfern die Freizeit bei einer 48-Stunden Arbeitswoche und nur wenigen Tagen Urlaub. Engpässe mussten dann eben mit viel Idealismus überbrückt werden.

Wermsdorfer
Geschichten


Vorwort

Siedlungsgeschichte

Staatsbürgerschaften

Kriegsende

Sudetenland

Hexenprozesse

Die Merta

Wiesenbergische
Herrschaft


Erbrichter

Kirche + Pfarrer

Schule + Lehrer

Handel + Handwerk

Bergbau

Holzwirtschaft

Bergbauern

Ackerbau

Haustierhaltung

Jäger + Wilderer

Holzwoll

Papiermühle

Fremdenverkehr

Häuser

Lebenslauf

Bräuche

Herbst

Fülla-Marktla

Turnverein

Allerlei

Allerlei

Allerlei

Fahrschule